Leseprobe

Thoras

Geheimnisse in Schloß Ventria

Die neue Aufgabe

(1. Kapitel)

Der kleine Junge ließ sich auf sein Bett fallen. Das klobige Bettgestell ächzte unter dem Aufprall von gut 80 Pfund Körpergewicht, ein Tribut an die zwei Jahrhunderte, die dieses Möbelstück schon seine Dienste tat. Alles in dieser Dachkammer war alt, abgewetzt und abgenutzt, und manchmal fühlte sich sogar der kleine Junge so.

Dabei war Thoras gerade erst 13 Jahre alt geworden. Die meiste Zeit des Tages frönte er seinem kaum zu zügelnden Bewegungsdrang, aber die nächsten Minuten gedachte er, still zu liegen und darauf zu warten, daß die Schmerzen nachließen. Das tat er immer, wenn er verprügelt worden war – und er wurde fast täglich verprügelt. Nach Ansicht seines Herrn und Besitzers war das sein einziger Lebenszweck.

Herzog Vantris, der Regent der Feuchtlande, hatte zwei Kinder. Prinz Magris, sein Sohn und Erbe, sollte die ehrwürdige Kampfkunst des Sun erlernen und benötigte dazu einen Trainingspartner. Dafür wählte er unter seinen Sklaven denjenigen aus, der die erforderlichen körperlichen Eigenschaften mitbrachte und für andere Aufgaben wenig taugte. Beides traf auf Thoras zu. Er war zwei Jahre jünger, einen Kopf kleiner und 40 Pfund leichter als Prinz Magris. Und für den Fall der Fälle sorgte Meister Gerlos dafür, daß Thoras nicht einmal aus Versehen zurückschlug. Immerhin durfte ein Prügelknabe ausweichen und blocken, doch er wurde oft genug getroffen. Aber besser von Prinz Magris als von dem weitaus kräftigeren Meister Gerlos.

Mit Prinzessin Adrea, der Tochter des Herzogs, hatte Thoras bisher nur wenig zu tun gehabt, zu wenig, um sich eine Meinung jenseits der allgemeinen Abneigung zu bilden, die ein Sklave jenen entgegen brachte, die ihm Befehle erteilten und sein Leben bestimmten.

Thoras besaß eine dunklere Haut als die meisten anderen Atlanter, außerdem auffällige blaue Augen. Trotz dieser Merkmale wußte niemand, wer seine Eltern waren. Man hatte ihm erzählt, er wäre auf der Schwelle eines Barons gefunden worden, ausgesetzt von seinen Eltern, in einem kleinen Dorf namens Edenia. Der Lehrer in der Sklavenschule hatte ihm einmal auf der Karte gezeigt, wo dieses Edenia lag: Ein paar hundert Meilen entfernt, im Nordosten, an einem Strom, der noch viel weiter nördlich ins Meer mündete. Kalt sei es da, hatte ihm der Lehrer gesagt, aber das war bereits alles.

Der Baron hatte das Findelkind nach Ventria geschickt, als Geschenk an seinen Landesherrn. Geschenke dieser Art brachten dem Gebenden jedoch keinerlei Wohlwollen ein, denn der Beschenkte wußte sofort, daß ihm damit die Last aufgebürdet wurde, das Kind großzuziehen. Deshalb hatte der Baron auch den Herzog ausgewählt. Dieser besaß zwar weitaus mehr Macht als der für den Kreis zuständige Graf oder der Fürst der Provinz, aber er war auch viel weiter entfernt und erachtete es vermutlich für unter seiner Würde, einem unwichtigen Baron die Ehre seines Mißfallens zu erweisen.

So wuchs Thoras im Schloß des Herzogs auf. Er mußte arbeiten, sobald er dazu in der Lage war. Er bekam nur das Nötigste an Nahrung und Kleidung, dafür großzügig Schläge und andere Strafen. Was Kindheit wirklich bedeutete, sah er nur hin und wieder an Magris und dessen jüngerer Schwester, Prinzessin Adrea. Seit Thoras vor zwei Jahren Prügelknabe geworden war, hatte sich sein Leben ein bißchen verbessert. Neben dem Suntraining wurde er nur noch selten für andere Arbeiten eingespannt. Nach einer Prügelei mit anderen Sklaven hatte man ihn hierher in diese Dachkammer verbannt. Er besaß jetzt das größte Sklavenquartier im ganzen Schloß und zugleich das abgelegenste. So hatte er die besten Chancen, daß es niemand hier herauf schaffte, um ihn zu Arbeiten zu holen, weil auf dem Weg andere, willigere Sklaven hausten.

Hin und wieder unternahm er gefährliche Expeditionen in den Schloßpark. Er hatte inzwischen schon beträchtliches Geschick darin entwickelt, ungesehen aus dem Palast zu schlüpfen. Leider wurde manchmal aus einem ausgedehnten Spaziergang ein Nachmittag in der Küche. Nachdem er herausgefunden hatte, wie das „versehentliche“ Fallenlassen eines Tellers bestraft wurde, hatte er solche Versuche unterlassen und sich einmal mehr in sein Schicksal gefügt.

„He, Thoras! Schau zu, daß du dich ins Verlies scherst! Dr. Schiman braucht Hilfe!“

Natürlich hatte Thoras die Schritte kommen hören. Ganz bewußt war er liegen geblieben, in der Hoffnung, Mitleid zu erwecken. Doch Pekrada hatte niemals Mitleid. Er hätte sich das auch gar nicht erlauben können. Zwar war er ein freier Page, aber mehr als Befehle übermitteln durfte er nicht. Aber er durfte entscheiden, in welchem Ton er Befehle übermittelte. Über diesen Ton hätte sich Thoras gerne einmal mit dem drei Jahre älteren Burschen unterhalten. Schon allein, um neben dem Ausweichen auch einmal das Zuschlagen zu üben.

Seufzend erhob sich der Junge. Pekrada war längst weg, vielleicht ahnte er, was Thoras gerne tun würde. Der kleine Sklave hatte durchaus verstanden, daß er schnell ins Verlies kommen sollte. Aber „schnell“ war ein subjektiver Begriff. Ein freiwilliges „schnell“ war mindestens doppelt so schnell wie ein befohlenes. Natürlich stellte Thoras keine derartigen Überlegungen an, er handelte einfach danach. Instinktiv. Wie jeder Sklave.

Das Verlies von Schloß Ventria lag über den Pferdeställen. Es bestand aus drei Räumen, in die gelegentlich ein Sklave oder auch ein Diener gesperrt wurde, um dort die Nacht zu verbringen. Gebraucht wurde es selten, aber da vor 1.200 Jahren beim Neubau dieses Schlosses ein Verlies gebaut worden war, behielt man es. Für schwere Verfehlungen gab es in der Stadt ein Arbeitshaus, dafür taugte das Verlies nicht. Thoras hatte man darin auch noch nie eingesperrt. Man hatte sich damit begnügt, ihn zu verprügeln.

Was aber wollte Dr. Schiman im Verlies? Und, weitaus wichtiger: Was sollte Thoras dabei tun? Einsperren würde ihn der Doktor nicht, das hätte höchstens Herr Sucholin getan, der Haushofmeister. Dr. Schiman war der Leibarzt des Herzogs und zugleich der Hofmagier. Die Sklaven erzählten, er wäre der beste Heilmagier des ganzen Reichslandes, aber daran glaubte Thoras nicht. Einmal hatte ihm Magris die Schulter ausgerenkt, da hatte der Arzt ihn behandelt. Er hatte ähnlich grob zugepackt wie Magris zuvor in seinem Sungriff, und es hatte mindestens ebenso weh getan. Von Zauberei hatte Thoras nichts gemerkt.

Aber angeblich sollte Dr. Schiman einen Menschen in einen Frosch verwandeln können.

Die Neugier trieb Thoras schneller voran. Ein wenig fürchtete er zwar, daß er verzaubert werden sollte, trotzdem wollte er wissen, was ihn im Verlies erwartete. Sein ungewohnt schneller Schritt hielt zudem alle Leute, denen er unterwegs begegnete, davon ab, ihn nach seinen Absichten zu fragen.

Im Verlies steuerte er auf die offene Tür zu. Er kannte die kahlen, leicht zu reinigenden Räume, in denen nur eine Pritsche, ein Wasserkrug und ein Eimer standen. Er beobachtete, wie sich der Leibarzt mit einem nackten, reglosen und bleichen Körper beschäftigte.

„Ist der tot?“

Dr. Schiman schreckte hoch. Das wenige, ihm noch verbliebene Haupthaar hatte das Alter längst grau gefärbt. Er trug eine im Verhältnis zu seinem kantigen, aber doch kleinen Kopf viel zu große Brille. Er war kein besonders großer Mann, verfügte jedoch über einen beachtlichen Bauchumfang und dank dieses Resonanzkörpers über eine entsprechende Stimmgewalt.

„Was fällt dir ein, dich so an mich heranzuschleichen? Wieso hat das solange gedauert? Hast du getrödelt?“

Thoras wurde immer ausgeschimpft, deshalb antwortete er mit einem schuldbewußten Gesicht und hielt den Blick fest auf das vierfarbige Kreuz auf der Brust des Arztes gerichtet. Dieses Abzeichen wies ihn als Angehörigen des Sorischen Ordens aus, also als Magier. Der dreifache silberne Ring um das Kreuz zeigte zudem seinen Rang. Natürlich interessierte das Abzeichen den Jungen nicht wirklich, aber er hatte gelernt, daß es besser für ihn war, dem Blick seines Gegenübers auszuweichen.

Dr. Schiman verstand schnell, daß er von diesem dummen Bengel keine Antwort erhalten würde. Es hatte auch keinen Sinn, sich länger als nötig mit ihm aufzuhalten. Folglich packte er ihn hart an den Schultern und drehte ihn zu dem Körper auf der Pritsche.

„Den hier hat Seine Durchlaucht bei seinem Jagdausflug im Norden im Wald gefunden und mitgebracht. Da hat er schon geschlafen und niemand kann ihn aufwecken. Ab sofort wirst du dich um ihn kümmern!“

Thoras begutachtete den Mann. Derart helle Haut und so helle Haare hatte er noch nie gesehen. Er schien recht jung zu sein, aber wog bestimmt dreimal soviel wie Thoras. „Was ist das, Herr?“

„Ein Waldmensch, vermuten wir. Womöglich hält er Winterschlaf, wer kann das sagen? Speck genug hat er sich ja angefressen.“

Thoras wagte einen schnellen Seitenblick, um zu beurteilen, ob Dr. Schiman nicht ebenfalls bereit für einen Winterschlaf wäre.

„Hier hast du den Schlüssel zu dieser Zelle“, fuhr Dr. Schiman fort. „Du kommst viermal am Tag hierher und tränkst ihn. Jeweils eine solche Flasche, verstanden? Zu essen bekommt er nichts.“

Der Arzt hielt dem Sklaven eine Lederflasche hin. Nach ihrem Gewicht enthielt sie Wasser. „Ja, Herr.“

„Du sorgst dafür, daß diese Zelle immer abgeschlossen ist. Sollte sich etwas verändern, kommst du sofort zu mir! Außerdem hältst du die Zelle sauber. Du wischt alles hier in den Abfluß. Du weißt ja, wo du Eimer und Schrubber findest?“

„Ja, Herr.“

„Jetzt tränkst du ihn! Ich will es sehen!“

Thoras unterdrückte ein Seufzen und öffnete die Lederflasche. Er wollte dem Waldmenschen die Flasche an die Lippen setzen, doch der trank nicht, sondern ließ sich mit dem Wasser übergießen.

„Doch nicht so, du Depp“, knurrte der Leibarzt. „Hebe seinen Oberkörper an und drücke ihm die Flasche an die Lippen. Schlucken tut er von allein, aber mehr macht er nicht. Schaffst du das?“

Thoras mühte sich ab, den Oberkörper des Waldmenschen hochzuwuchten. Beim ersten Schluck fing der Waldmensch an zu husten.

Der Arzt raunzte ihn sofort wieder an. „Vorsichtiger! Aber du lernst das schon noch. Einmal die Woche, am Poseidor, kommt der Barbier und schneidet ihm den Bart ab. Viel wächst zwar nicht, aber es muß weg. So, ich laß dich jetzt allein. Wenn sich irgend etwas an ihm verändert, gibst du mir Bescheid! Vor allem, wenn er gestorben ist.“

„Herr?“

„Dann werde ich ihn aufschneiden“, kündigte der Leibarzt im Gehen an. „Ich will sehen, wie er von innen aussieht.“

Thoras schluckte und starrte noch auf die massive Zellentür, als der Arzt schon längst entschwunden war. Auch wenn der Waldmensch deutlich mehr zu essen bekommen hatte als er selbst, ging es ihm doch schlechter als einem normalen Sklaven. Thoras empfand ein wenig Mitleid, aber zugleich ärgerte er sich, daß er jetzt eine weitere ständige Aufgabe bekommen hatte.

Als erstes leckte er seinen Zeigefinger und prüfte, ob die Hautfarbe des Waldmenschen irgendwie abginge. Nach diesem erfolglosen Versuch hob er den Oberkörper des Wesens an. Diesmal verzichtete er darauf zu zeigen, wie sehr ihn das anstrengte. Wenn niemand zuschaute, um ihn von einer vorgeblich zu schweren Arbeit zu entbinden, lohnte es sich nicht, das zu schauspielern. Auch beim Tränken des Waldmenschen hatte er jetzt keine Probleme mehr. Manche Arbeiten erledigten sich durch Sorgfalt am schnellsten, das hatte Thoras längst verstanden.

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